Generalistisches Examen

Aus Generalistische Pflegeausbildung
Wechseln zu: Navigation, Suche

Vorbemerkung

Um für die weitere Lektüre dieser Seite heiter und gelassen gestimmt zu sein, empfehlen wir folgenden Text zu lesen, der vielfach im Internet zu finden ist. Es kann sich um eine Legende handeln.

ungewöhnliche Antworten

Generalistisches Examen

Ausgehend von dem Ansatz, dass die generalistische Ausbildung in der Pflege mehr ist, als nur die Zusammenlegung bisheriger Pflegeausbildungen (Kinderkrankenpflege, Krankenpflege, Altenpflege), umfasst auch das generalistische Examen mehr als nur die bisher in der Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege geprüften Inhalte.

Obwohl die APrV noch nicht vorliegt, ist doch schon einiges bekannt, was den Rahmen für das generalistische Examen bestimmt:

  • Kompetenzorientierung: vgl § 5 Ausbildungsziel
  • Selbstständigkeit, Eingenverantwortlichkeit: (ebda.)
  • Prozessorientierung: (ebda.);
  • Zielorientierung (siehe auch finale Dimension der Pflege): (ebda.) Auf die Inkonsistenz der in dem Ausbildungsziel definierten pflegerischen Zielsetzung wird im Kommentar zum Ausbildungsziel hingewiesen.


zur Kompetenzorientierung

Schon bei der Einführung des derzeit gültigen KrPflG und der zugehörigen KrPflAPrV wurde das Thema "Kompetenzen prüfen" hinreichend diskutiert und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Deswegen an dieser Stelle nur die wichtigsten Thesem dazu (Quellenangaben und weiterführende Literatur hierzu gerne auf Anfrage):

  • Kompetenzen als solche entziehen sich der Prüfung, prüfbar ist die Performanz.
  • Kompetenzen sind (vgl. vor allem die Arbeiten von Erpenbeck und die Def. der KMK) "Problemlösungsdispositionen"; ob die erforderlichen Kompetenzen vorhanden sind, lässt sich somit nur in Verbindung mit einem (berufstypischen) Problem zeigen.
  • Fazit: Nach der Konfrontation mit einer berufstypischen Problemstellung zeigt der Prüfling in seinem begründeten Lösungsweg die Performanz, auf grund derer auf etwa vorhandene Kompetenzen geschlossen werden kann.

zur Prozessorientierung

"Prozess" oder "Pflegeprozess" ist der Vorgang der Entscheidungsfindung (decision making process), der Pflegebedarfe und -erfordernisse ermittelt, Internventionen plant und durchführt, sowie Kriterien definiert, woran der Erfolg professioneller Pflege gemessen werden kann. Erfreulich erscheint hier, dass der Pflegeprozess nun in einem Themenbereich zusammgefasst ist siehe Anlage 1 zur APrV. Gegenüber der derzeit gültigen KrPflAPrV, in der der Pflegeprozess auf zwei Themenbereiche und damit auf zwei Prüfungstage zerfällt, eine echte Verbesserung.

Es erscheint also möglich, an allen insgesamt 7 Prüfungsteilen (3x schriftlich, 1x praktisch, 3 mündlich) jeweils "prozessorientiert" zu prüfen.

Prozess- und Kompetenzorientierung

Die Zusammenschau von Prozess- und Kompetenzorientierung liefert ein erstes Zwischenergebnis: Jeder Prüfungsteil konfrontiert den Prüfling mit einem realen, realitätsnahen und berufstypischen Fall. In der begründeten Fallbearbeitung wird als Struktur der Pflegeprozess vorgegeben (Mindestanforderung), so dass vier Teile jeweils zu bearbeiten sind:

  1. Analyse der Situation mit dem Ergebnis, Pflegebedarfe und -erfordernisse festzustellen
  2. Interventionsplanung (und nur bei der praktischen Prüfung möglich) -durchführung
  3. Definition von Erfolgs- bzw. Evalutationskriterien
  4. Begründung

Detaillierte Fragen sind dazu zunächst nicht nötig. Als Impuls würde reichen: "Pflegen Sie!" Erpenbeck legt jedoch unmissverständlich klar, dass Kompetenz nicht ohne Qualifikation, und Qualifikation wiederum nicht ohne Wissen auskommt. Dass sich - wie oben angeführt - Kompetenzen sowieso nicht direkt prüfen lassen, erscheint es legitim, auch Wissen oder Qualifikationen zu prüfen. Das Vorhandensein von Wissen und Qualifikationen ist zwar nicht beweisend für das Vorhandensein entsprechender Kompetenzen, aber umgekehrt gilt auch: Ohne Wissen und ohne Qualifikation keine Kompetenz.

Beispiel aus der mündlichen Prüfung: 

Fallsituation: Sie kommen ins Patientenzimmer und beobachten, wie Herr Schneider gerade mit Genuss einen puddinggefüllten Streuselkuchen ("Bienenstich", Rezept auf Anfrage; Kostprobe nach Voranmeldung) isst. Herr Schneider 67 Jahre wurde mit Diabetes mellitus Typ IIb stationär aufgenommen. Den Bienenstich hat ihm ein Arbeitskollege mitgebracht.

Impulsfrage: Wie reagieren Sie in dieser Situation?

Eine so offene Frage lässt dem Prüfling alle Lösungswege offen und fordert gleichzeitig seine Kompetenz(en) heraus. Allerdings gibt es dann keine eindeutig richtige, vollständige Lösung und manche Prüfer tun sich dementsprechend schwer, die gezeigte Performanz zu bewerten, oder - besonders beim Nicht-Bestehen der Prüfung - zu begründen, warum die vom Prüfling entwickelte Lösung nicht ausreicht.

Geschlossenere Fragen fragen eher vorhandenes Wissen oder bestenfalls vorhandene Qualifikationen ab:

  • Was versteht man unter Diabetes mellitus Tpy IIb?
  • Was darf ein Diabetiker esser und was nicht?

Teilweise implizieren diese Fragen bereits das ansich zu Prüfende:

  • Wie würden Sie Herrn Schneider motivieren, sich an die Enrähungsregeln zu halten?

Diese Frage enthält ja bereits die Botschaft: "Herr Schneider soll motiviert werden"; es geht somit nur noch um das "Wie?" der Motivation.

Auf justiziable Art und Weise Kompetenzen zu prüfen ist ein Dilemma:

  • je offener die Frage, desto eher werden Kompetenzen provoziert, desto schwieriger erscheint die justiziable Bewertung
  • je geschlossener die Frage, desto weniger werden Kompetenzen provoziert, desto einfacher erscheint eine justiziable Bewertung

Multidimensionales Pflegeverständnis

Zum Modell der 7 Dimensionen von Pflege siehe auch http://pflegeausbildung-generalistisch.de/index.php/Sieben_Dimensionen

In den aktuell vorliegenden Materialien (Gesetzentwurf, Eckpunkte der APrV) scheint ein Pflegeverständnis durch, das (mindestens) 7 Dimensionen umfasst:

Echte Generalisten der Pflege sind demzufolge in der Lage ganz '''generell''' Pflege aus diesen verschiedenen Dimensionen heraus zu betrachten und zu leisten. 

Beispiele

  • Professionelle Dimension: der Pflegegeneralist koopiert mit anderen Pflegenden, von der Laienpflege bis zum Pflegeexperten mit Hochschulabschluss, der differenziert Pflegebedarfe und -erfordernisse auch(!) unter dem Gesichtspunkt, welche berufliche Qualifikation nötig ist, um den Bedarf zu stillen, oder / und wie Laien zu befähigen sind, dabei mitzuwirken.
  • Individuelle Dimension: der Pflegegeneralist kann sich auf jedes zu pflegende Individuum einstellen, völlig unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildung, Kultur, Religionszugehörigkeit, Lebensumstände und Lebensverhältnisse, sozioökonomischer Status, ...
  • biografische Dimension: der Pflegegeneralist pflegt Menschen (nach Roper von der Empfängnis bis über den Tod hinaus) in allen Altersstufen, in allen Entwicklungsstufen (vgl. Orem: Entwicklungsbedingte Selbstpflege-Erfordernisse)
  • institutionelle Dimension: der Pflegegeneralist pflegt überall, in allen Einrichtungen: stationär, ambulant, finanziert von der Pflegeversicherung oder Krankenversicherung, Kurzzeit- oder Langzeitpflege, ... auf der Intensivstation eines Kreuzfahrtschiffes genau so wie im Auffanglager für Flüchtlinge, in Einrichtungen der Behindertenhilfe genauso wie in Einrichtungen des Krankheitswesens sowie in den Einrichtungen der Gesundheitsförderung und Prävention.
  • kausale Dimension: der Pflegegeneralist pflegt Menschen mit Pflegebedarfen und -erfordernissen, die in Folge von Krankheit, Behinderung, Einsamkeit, Arbeits- oder Freizeitunfällen, Krankheitsrisiken oder Gesundheitsbeeinträchtigungen entstanden sind; insbesondere sei hier angemerkt, dass ein generalistisches Pflegeverständnis weit mehr ist, als die Krankenpflege, krankheitsbezogene Pflege. Unterrichte und Prüfungen "Pflege bei ..." sollten endgültig der Vergangenheit angehören. Unterrichts- und nachher Prüfungsgegenstand sollten reale oder realitätsnahe Fallsituationen (vgl. Pflegesettings nach Elsbernd) sein. Wenn Elsbernd die Mehrdimensionalität von Pflegesettings aufzeigt, kann Pflege nicht eindimensional in diesen Settings arbeiten.
  • finale Dimension: Pflegegeneralisten können bei jedem Menschen mit Pflegebedarfen und -erfordernissen (parallel) bis zu vier typisch pflegerische Zielsetzungen verwirklichen: präventive, kurative, rehabilitative und palliative Pflege.
  • qualitative Dimensione: Pflegegeneralisten arbeiten eigenverantwortlich im Berufsfeld Pflege, sie planen und begründen Pflegeinterventionen (oder den bewussten Verzicht darauf), in dem sie z.B. evidenzbasiert und prozessgesteuert arbeiten, ihre Arbeits kontinuierlich und selbstkritisch reflektieren. Eigen-verantwortlich wörtlich genommen bedeutet, ich verantworte mich vor mir selbst (brauche keine externe Kontrolle), weil ich selbst begründen kann, was ich tue, also verantworte, Antwort gegeben kann auf die Frage: war / ist das nötig, was du getan hast...

Vorschlag für ein Examensprüfungssetting

Angenommen es bleibt bei den 7 Abschlussprüfungen (3x schriftlich, 1x praktisch, 3x mündlich), dann könnte ein Konzept für eine generalistische Prüfung so aussehen:

Professionelle Dimension Individuelle Dimension Biografische Dimension Institutionelle Dimension Kausale Dimension Finale Dimension Qualitative Dimension
Tag 1 schriftliche Prüfung z.B.: Die Pflegesituation erfordert die Kooperation mit Laien (pflegende Angehörige) und Pflege-Experten z.B.: Die Pflegesituation erfordert interkulturelle Kompetenz z.B.: Es geht um ein Kind mit Pflegebedarfen und - erfordernissen z.B.: Die Pflegesituation spielt in der häuslichen Pflege z.B.: Pflegebedarfe und -erfordernisse sind durch eine akute Erkrankung begründet z.B.: die primäre Zielsetzung der Pflege ist präventiv + kurativ z.B.: Pflegegeerfordnisse sind gegenüber den Eltern zu verantworten bzw. zu begründen
Tag 2 schriftliche Prüfung z.B.: Die Pflegesituation erfordert die Hinzunahme weiterer "Health-Professionals" oder von Sozialarbeitern, Seelsorgern... z.B.: Die Pflegesituation erfordert eine Abwägung von individuellen Wünschen und Gewohnheiten und dem Leistungsangebot, bzw. den Leistungsgrenzen professioneller Pflege z.B.: Der zu Pflegende Mensch ist ein berufstätiger Erwachsener z.B.: Die Pflegesituation spiel in der Akutklinik z.B.: Pflegebedarfe und -erfordernisse sind durch eine chronische Erkrankung sowie zusätzlich durch eine Behinderung begründet (Langzeitfolge eines Verkehrsunfalls) z.B.: die primäre Zielsetzung der Pflege ist rehabilitativ z.B.: die Pflege ist im Pflegeprozess zu organisieren und zu begründen; alternativ ist darzulegen, wie durch die Implementierung von Expertenstandards Pflegequalität gesichert werden kann
Tag 3 schriftliche Prüfung z.B.: Die Pflegesituation erfordert die Kooperation mit Betreuungsfachkräften und ehrenamtlichen Demenzbetreuern z.B.: bestimmend für die Pflegesituation sind biografische Details z.B.: es geht um einen älteren, dementierenden Menschen z.B.: Die Pflegesituation spielt in einer Tagesklinik z.B.: Pflegebedarfe und -erfordernisse ergeben sich im Wesentlichen aus dem Alter, der sozialen Isolation und der dementiellen Erkrankung z.B.: die primare pflegerische Zielsetzung ist kurativ+palliativ z.B.: Die Pflegeinterventionen sind mit akutellen, wissenschaftsbasierten Konzepten der Pflege zu begründen
Praktische Prüfung z.B.: die praktische Prüfung findet im Alltag im jeweiligen Vertiefungseinsatzgebiet statt und umfasst die selbstständige, eigenverantwortliche Pflege einer Gruppe von bis zu 4 Personen mit Pflegebedarfen z.B.: Durch Zusammenstellung der Prüfungspersonen wird die Kompetenz provoziert, sich auf individuelle Erwartungen, Wünsche, Bedürfnisse, Ressourcen einzustellen z.B.: die zu pflegenden Personen entsprechen in Alter und Entwicklungsstand den Vorgaben der Vertiefungseinrichtung
Mündliche Prüfung Teil 1 z.B.: Beratung des Betroffenen oder seiner Angehörigen
Mündliche Prüfung Teil 2 z.B.: Kooperation mit Ärzten und/oder anderen Gesundheitsberufen, Spannungsfeld zwischen Kooperation und Abgrenzung, ggfs. Verteten des typisch pflegerischen Ansatzes im Dialog mit anderen Gesundheitsberufen
Mündliche Prüfung Teil 3 z.B.: Leistungsumfang und Leistungsgrenzen der Pflege; Abgrenzung professioneller Pflege von universeller Hilfe (eigenen Kompetenzrahmen kennen und einhalten); Einfordern von Hilfe für Helfer z.B.: Personen mit Pflegebedarf und herausforderndem Verhalten





Die Neuordnung der Ausbildungsberufe in der Pflege bietet darüber hinaus auch die Chance, etwas am Übergewicht der theoretischen Prüfungen (2 : 1 Theorie : Praxis, oder 6 : 1 theoretische : praktische Prüfungsteile) zu ändern.

Vorschlag 2 praktische Prüfungen, eine davon mit anschließedem Kolloquium, eine schriftliche Prüfung. Für diese Neukonzeption könnte die generalistische Prüfung so konzipiert werden: