Probleme bei der Umsetzung

Aus Generalistische Pflegeausbildung
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Vorbemerkung

Eigentlich ist diese Internetseite ein Wiki (collaborative tool), um den Dialog mit den Schulen, die das Pflegeberufegesetz umsetzen wollen oder müssen, zu fördern. Bis jetzt hat sich die Intention dieser Seite noch nicht realisieren lassen. Hier folgt eine - sicher unvollständige(!) - Liste mit möglichen Problemen, die es bei der Umsetzung des Pflegeberufegesetzes geben könnte:

Wie viele Pflegeberufe gibt es eigentlich?

Zunächst gibt es 3 Berufe:

  1. Pflegefachfrau
  2. Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin
  3. Altenpflegerin

Details siehe:

Carsten Drude meint sogar, es gäbe 5 verschiedene Ausbildungsgänge: "Besonders scharfe Kritik übt in der Tat etwa der Berufsverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS), der sich stets für eine generalistische Ausbildung mit nur einem Berufsabschluss stark gemacht hat. Der Verband spricht in einer Pressemitteilung von einem „pflegepolitischen Irrweg“ und lehnt das Gesetz „in dieser Form strikt ab“. Künftig gebe es fünf verschiedene Ausbildungsgänge. „Wir erwarten Desorientierung bei den Ausbildungsinteressierten sowie massiven organisatorischen Mehraufwand an den Schulen, die dieses fachlich und pädagogisch sinnlose Konzept umsetzen müssen“, lässt der BLGS-Vorsitzende Carsten Drude wissen."

Quelle: https://www.bibliomedmanager.de/news-des-tages/detailansicht/32507-bundestag-vertagt-reform-der-pflegeausbildung

Interview mit Carsten Drude

Vermutlich meint Carsten Drude folgende 5 Varianten

  1. die direkte dreijährige - geradlinige - generalistische Ausbildung zur Pflegefachfrau mit entsprechendem Vertiefungseinsatz
  2. die direkte dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin
  3. die direkte dreijährige Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderrankenpflegerin
  4. die zunächst generalistisch angelegte Ausbildung zur Pflegeassistentin und - von der Wahlmöglichkeit Gebrauch machend - dann die Ausbildung zur Altenpflegerin
  5. die zunächst generalistisch angelegte Ausbildung zur Pflegeassistentin und - von der Wahlmöglichkeit Gebrauch machend - dann die Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin

Was muss eine Pflegeschule anbieten?

In der Pflege- Ausbildungs- und Prüfungsverordnung ist beschrieben, wie die einzelnen Ausbildungswege verlaufen. Die grundsätzlichen Frage, was eine Pflegeschule genau anbieten muss, bleibt unseres Erachtens nach wie vor offen.

Zunächsteinmal muss die Schule die Anforderungen von § 9 Mindestanforderungen an Pflegeschulen erfüllen.

Dann schließt sie - falls Sie nach § 8 (4) dazu ermächtigt wurden - Ausbildungsverträge mit den Auszubildenden. Diese Ausbildungsverträge enthalten Angaben unter Anderem über den Vertiefungseinsatz (siehe § 16 (2) Nr. 1). Und hier tut sich ein erster Widerspruch auf:

  • auf der einen Seite sagt § 16 (5), man könne den Ausbildungsvertrag "in gegenseitigem Einvernehmen" ändern
  • auf der anderen Seite sagt § 59: der Ausbildungsvertrag "ist zu ändern", wenn der Auszubildenden von seinem Wahlrecht Gebrauch macht. Also ist doch kein Einvernehmen nötig, der Ausbildungsvertrag ist zu ändern, wenn der Auszubildende das so will.

Viele Schulen haben - wie schon beim KrPflG von 2003 - vermutet, dass sie nicht gezwungen werden (oder sind), alle Differenzierungsmöglichkeiten anzubieten. Denn - wie bisher - stand zwar die Differenzierung zwischen Kranken- und Kinderkrankenpflege im Gesetz, aber es war von vorneherein ausbildungsvertraglich geregelt, welchen Beruf der Auszubildende anstrebt. So konnte sich die Schule im Prinzip darauf verlassen, dass der Schüler 3 Jahre in der Ausbildung bleibt, wenn er erst einmal die Probezeit bestanden hat.

Immer unter dem Vorbehalt, dass Pflegelehrer als Nicht-Juristen das Gesetz richtig lesen und verstehen, scheint es in Zukunft anders zu sein: Mit aller Vorsicht formuliert, scheint es geboten, durch entsprechende Kooperationsverträge mit Einsatzorten praktischer Ausbildung ein Setting zu schaffen, das dem Auszubildenden die ihm zustehende Wahlmöglichkeit bietet, ohne dass er dazu die Schule wechseln müsste.

Regionale Gegebenheiten spielen hier eine große Rolle: in Ballungszentren sieht die Lage sicher völlig anders aus, als in ländlichen Gebieten, wenn alleine die räumlichen Entfernungen Kooperationen verhindern.

Lohnt es sich (noch) für Akutkliniken, eine eigene Pflegeschule zu unterhalten?

Klare Antwort: "Ja!" Denn die Umlagefinanzierung verhindert, dass Kliniken auf den Kosten für die Schule sitzen bleiben, wenn ihre Schule einigermaßen vernünftig wirtschaften. Aber es ist gut nachvollziehbar, dass die Träger der praktischen Ausbildung diese Frage stellen, denn Ausbildung ist ja nicht nur eine finanzielle Angelegenheit.

Was ändert sich für die Träger der praktischen Ausbildung nach § 8?

  • Nach § 6 (3) muss er für den Azubi einen praktischen Ausbildungsplan erstellen und die Praxisanleitung sicherstellen
  • der Plan für die praktische Ausbildung enthält Pflichteinsätze, Vertiefungseinsätze und weitere Einsätze nach § 6 (3) in Verbindung mit § 7,
  • wobei die Pflichteinsätze nach § 7 (1) und (2) vor der Zwischenprüfung absolviert werden sollen.

Es besteht also das Risiko, dass der Träger der praktischen Ausbildung einen Auszubildenden einstellt, der in den ersten beiden Ausbildungsjahren

  • viel Aufwand durch Praxisanleitung verursacht
  • selten im Haus ist, vor allem wenn das Haus nicht über eine Kinderklinik verfügt
  • und dann - wenn er zu seinem Vertiefungseinsatz eigentlich ins Haus zurückkehren sollte, von seinem Wahlrecht Gebrauch macht

Die Formulierung in § 7 (3) "Insgesamt soll der überwiegende Teil der praktischen Ausbildung beim Träger der praktischen Ausbildung stattfinden." scheint demzufolge Makulatur.

Da die PflAPrV inzwischen vorliegt, kann man schon mal rechnen:

Einsatzzeiten beim Träger der Ausbildung, Beispielrechnung für eine Akutklinik

Gibt es künftig einen verbindlichen Rahmenlehrplan, ein verbindliches Curriculum?

Erste Einschätzung: "Nein!" Im Gesetz vom 22.06.2017 wurde gegenüber dem ersten, in den Bundestag eingebrachten Gesetzentwurf, auf eine Konsistenz der Fachtermini geachtet; vielfach wurde das Wort Lehrplan durch Curriculum ersetzt. So heißt es auch in der Begründung zu & (2) (Bundestagsdrucksache 18/12847): "Nach den üblichen Begrifflichkeiten werden Lehrpläne vom Land erstellt. Die Schulen erstellen darauf aufbauende schulinterne Curricula. Die Begrifflichkeit im Gesetz wird an diesen Sprachgebrauch angepasst. Die Curricula an den Pflegeschulen werden auf der Grundlage des von der Fachkommission bereitgestellten bundesweiten Rahmenlehrplans und der Vorgaben der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung erstellt. Die Länder können einen verbindlichen Lehrplan erstellen."

Es gibt somit

  • auf der Bundesebene einen Rahmenlehrplan nach § 6 (3) i.V.m. § 53 (1) und (2) :"Bundesrahmenlehrplan"
  • auf der Landesebene gegebenenfalls eine eigene Regelung "Landeslehrplan"
  • auf der Schulebene ein eigenes, schulinternes Curriculum "Curriculum"

Damit sind weitgehende Freiheiten eingeräumt, weder die Vergleichbarkeit der Ausbildungen scheint damit gewährleistet, noch scheint ein Schulwechsel währende der Ausbildung ohne Weiteres möglich, vor allem wenn man von einem Bundesland in ein anderes wechselt.

Welche Anforderungen werden an die Lehrer gestellt?

Das Lehrerbildungsniveau ist in § 9 (3) geregelt. Erste Einschätzung: bis 2029 sind Ausnahmen durch Länderregelungen möglich, gibt es danach nur noch Master-Absolventen? Die Länder können "darüber hinaus" Regelung treffen. Was heißt darüber hinaus, das heißt doch "nicht darunter", also nicht unterhalb des Masterniveaus? Wie viele Bachelor und teilweise noch herkömmlich gebildete Lehrerinnen und Lehrer für Pflegeberufe arbeiten an den Schulen? Ist das zu schaffen, bis 2022 so viele Bachelor zu Mastern nachzuqualifizieren? Wer trägt die Kosten? Wer kompensiert den Ausfall in den Präsenzphasen, wenn die Masterstudenten an der Hochschule sind?

Wird der Pflege-Azubi künftig mitten während der Schichtarbeitszeit auf die neue Station / Abteilung versetzt?

Statt wie bisher 500 Stunden (KrPflAPrV) stehen nunmehr nach der PflAPrV nur noch 80 Stunden zur freien Verfügung.

Zur Zeit (also nach dem KrPflG bzw der KrPflAPrV) werden von den 500 Stunden mehr als die Hälfte dazu benötigt, sinnvolle Einsatzzeiten zu generieren, d.h. die Woche noch aufzufüllen und den Schüler jeweils am Montag auf der neuen Station beginnen zu lassen, oder nicht ausgerechnet an Ostern, Pfingsten usw. zu versetzen, wo die Abteilungen so schlecht besetzt sind, dass an eine sinnvolle Einarbeitung nicht zu denken ist.

Work on.jpg

Die 80 Stunden zur freien Verfügung sind ein Witz!

Viele Einsatzorte praktischer Ausbildung erwarten mindestens 8 Wochen (in wenigen Ausnahmefällen auch mal 6 Wochen) Einsatzdauer "am Stück". Alles andere ist keine Ausbildung sondern ein Schnupperpraktikum.

Was macht die Prüfungsvorsitzende bei der praktischen Prüfung?

hier (§ 17 (6) und § 37 (6) PflAPrV kann es sich nur um einen redaktionellen Fehler handeln!'

Deutliche Verschärfung bei den Fehlzeiten

Verschärfung der bisher geltenden Regelung zu den Fehlzeiten: 10 % insgesamt (§ 13 (1) Nr. 2 PflBG) und 25 % je Pflichteinsatz nach § 1 (4) PflAPrV.

Bei so kurzen Einsätzen (80 bzw. 120 Std.) bedeutet dann eine Woche Grippe-Krank schon das Aus? Der Einsatz müsste ja wiederholt werden, die 80 Stunden zur freien Verfügung (siehe auch Frage 7) lassen hier aber nicht wirklich Spielraum!

Kein Urlaub an Schultagen?

In § 1 (4) PflAPrV heißt es: Urlaub ist in der unterrichtsfreien Zeit zu gewähren, Punkt!

Das widerspricht u.E. dem Bundesurlaubsgesetz und der gängigen Rechtsprechung, falls der Azubi ein berechtigtes Interesse hat (Führerscheinprüfug, Familienfeier, etc. ...).

Welche Einsatzorte praktischer Ausbildung wird oder kann es geben?

Nach § 7 PflBG i.V.m. § 3 (2) PflAPrV und Anlage 7 der PflAPrV gibt es:

  • Pflichteinsätze in den allgemeinen Versorgungsbereichen, vermutlich „Krankenhäuser“, „Altenheime“, „Ambulante Pflegedienste“
  • Pflichteinsätze in den speziellen Versorgungsbereichen, vermutlich „Pädiatrie und Psychiatrie“
  • Vertiefungseinsatz beim Träger der praktischen Ausbildung, bei dem bereits ein Pflichteinsatz stattgefunden hat
  • Orientierungseinsatz (damit ist u.E. der erste Pflichteinsatz beim Träger der praktischen Ausbildung gemeint)
  • weitere Einsätze z.B. Pflegeberatung, Rehabilitation, Palliation
  • zur freien Verfügung

Interpretation:

  • Alle Einsätze sind Pflichteinsätze.
  • Es gibt allgemeine und spezielle Pflichteinsätze.
  • Es gibt Orientierungs- und Vertiefungseinsätze (zum ersten oder weiteren Mal dort eingesetzt)
  • Es gibt keine Bestimmung zu medzinischen Fachgebieten (internistisch, chrirugisch, ...)
  • Es gibt "Pädiatrische Versorgung", was genau gehört dazu? Kinderklinik, Kinderarztpraxis, Neugeborenenzimmer, ab und zu mal ein Kind auf einer HNO-Belegstation?
  • Es gibt "Psychiatrischer Versorgung", was genau gehört dazu?
  • Es gibt "Rehabilitation", extern oder die geriatrische Reha-Station im eigenen Haus?
  • Es gibt "Pflegeberatung", ist damit die Tätigkeit (zu beraten, was überall stattfindet) oder die Institution (Pflegeberatungsstelle) gemeint?
  • Es gibt "Palliation", ist damit die ARt der Behandlung (z.B. palliative Patienten in der Akutklinik, in der Schmerzklinik, ...) oder die Institution (Hospiz, allgemeine oder spezielle ambulante Palliativversorgung... ) gemeint?

Siehe auch: Einsatzzeiten beim Träger der Ausbildung, Beispielrechnung für eine Akutklinik